Es muss irgendetwas zwischen viertel vor und sechs Uhr morgens sein, so genau lässt sich das in diesem Moment gar nicht sagen. Das Handy ist aus an diesem Morgen und soll es für die nächsten zwei Stunden auch bleiben. Vielleicht werden es auch drei, wer will das schon voraussagen bei einer Wanderung mit demjenigen, der bekannt dafür ist, unzählige Stunden im Wald zu verbringen. Es wird die erste Sonnenaufgangswanderung von Wolfgang Schreil, genannt Woid Woife.

Was soll das?

Auch ihm ist die frühe Stunde durchaus anzusehen, als er, standesgemäß, aus seinem uralten Opel Astra steigt. Und da entfährt es Woife am Ende der Begrüßung auch ungewohnt deutlich: „Wer braucht so einen Scheiß?“ Doch das ist blanke Ironie! Wir alle brauchen so etwas. Wir, mit unseren von Smartphone-Kalendern durchgetakteten Lebensweisen, die selbst im Urlaub streng nach Plan funktionieren. Frühstück hier, Wellness dann, und bloß die Bewegung dazwischen nicht vergessen, meldet die Smart-Watch. Raus aus dem Takt, raus aus dem Bett und mit den Vögeln den frühen Tag begrüßten! Die zwitschern schon fleißig in den Bäumen um die Wette und begrüßen uns zu diesem Frühjahrsmorgen.

Groß und Klein

Und dann stehen sie hier. Acht unausgeschlafene Gestalten, die trotzdem voller Begeisterung dem angehenden Tag entgegen sehen. Der Woid Woife wirkt dagegen wie immer und zu jeder Tageszeit. Ruhig in der Art, aber mit diesem Feuer in den Augen, sobald er etwas entdeckt, das ihm erwähnenswert scheint. Da wir uns in „seinem“ Wald, seiner Heimat, seinem Wohnzimmer befinden, ist das nicht wenig. Anstrengend, so viel steht fest, wird auch diese Wanderung mit den Naturkenner nicht werden. Plötzlich schrumpft die Welt von der großen Weite der digitalen Informationsflut zusammen auf ein kleines Wunder wie die frisch gekeimte Buchecker, wie es sie zu tausenden gibt rund um die mächtigen Buchen am Silberberg, eine jede etliche Jahrzehnte alt. Jung und alt, so nah zusammen, ein schönes Bild und doch so leicht zu übersehen. Wie schnell steigt der ambitionierte Wanderer über die kleinen hellgrünen Blätter der Mini-Bäumchen oder sieht in den mächtigen Eltern der Keimlinge bestenfalls Schattenspender? Doch so früh am Morgen bleibt Zeit selbst für diese Dinge, die ebenso faszinierend wie vergänglich sind. Kaum eine der vielen kleinen Buchen wird es je schaffen über Hüfthöhe hinaus zu wachsen. Vergänglichkeit, ohne die Chance auf ein Backup in der Cloud oder einer Zusatzversicherung bei Amazon. Dafür aber einer Garantie. Der Garantie auf einen kompletten Neuanfang im nächsten Jahr.

Morgendämmerung

Auch unser Morgen, der gerade noch so vor sich hindämmerte, zieht jetzt, im Mai, mit absurd schneller Kadenz herauf. Eben noch standen wir in der dunklen Kühle frühlingshafter Bayerwald-Nächte, schon huschen die ersten Schatten über den Waldboden. Alle paar Meter brennt die Sonne erste Wärmenester in die Waldluft und Woife plant seine Pausen nun durchaus nach dem Sonnenstand. Kurzweilig wie immer geht es voran, unterhalb des Gipfels, hinüber zum Brandtner Riegel, dem Aussichtsfelsen für Eingeweihte. Oder Einheimische, so es denn diejenigen sind, die regelmäßig hier im Wald unterwegs sind. Ob es wohl einen GPS-Track gibt, der hierher führt? Der Gedanke ist flüchtig kurz, bestenfalls angedacht. Nach einer Stunde auf Wanderung mit Wolfgang Schreil sind technische Spielereien schon nicht mehr als Schall und Rauch. Wer den Felsen nicht von selbst findet kann einfach anderweitig eine schöne Zeit im Wald verbringen. Kurz genießen wir die Aussicht, denn eines ist der Woife bei seinen geführten Wanderungen nicht: so urgemütlich wie er es für seine Tierbeobachtungen sein muss. Stundenlang in dieser Stille zu sitzen und zu warten, ohne dass wirklich etwas passiert, das will gelernt sein. Für Smartphone gesteuerte Normalos wie uns sind zehn Minuten Tatenlosigkeit schon eine Herausforderung, auch wenn es nur das fehlende Wischen auf irgendeinem Display ist.

Pünktlich!

Wir kehren heim, genauer gesagt zurück zum Parkplatz Schönebene. Ironisch genug, dass wir es nicht geschafft haben genug Freiheit in unser Leben zu packen, um nicht pünktlich um acht Uhr zurück zu sein. Vielleicht lag es aber einfach an der Erfahrung, die Wolfgang Schreil inzwischen bei seinen Wanderungen gewonnen hat. Nein, nicht diese kühle, berechnende Professionalität, die so manchen Wanderführer trocken und langweilig erscheinen lässt. Eher die nüchterne Erkenntnis, dass viele von uns nur noch mit diesem gut getakteten Leben klar kommen. Und so freuen wir uns auf ein spätes Frühstück, um etliche Eindrücke und exakten zwei Stunden Freiheit reicher. Ach ja: der Sonnenaufgang war auch grandios!

Wer selbst bei einer Wanderung mit Woife dabei sein möchte: Hier finden Sie alle Infos und Termine.